Einbildungshaus
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Woran man denken könnte, wenn man an Kulturpolitik denkt.

01. August 2008

Geschrieben für Kulturjournal Regensburg im Verlag Michael Kroll

Sagen Sie mal Frau Müller, was würde eigentlich geschehen, wenn ihr Mann notorisch zu spät zur Arbeit käme? Sie meinen, das gäbe es nicht, ihr Mann kommt nie zu spät, er sei im Gegenteil meist vor der Zeit an seinem Platz, denn er verfahre nach dem Wahlspruch Fünf Minuten vor der Zeit ist die wahre Pünktlichkeit. Ihr Mann sagt, die jungen Leute kämen nicht mehr pünktlich, die würden sogar oft unpünktlich sein und die ganz jungen, die Lehrlinge, die könnten ja nicht mal richtig rechnen und schreiben. Und es würde ja auch im Fernsehen kommen, dass schlechte Deutschkenntnisse gerade bei Deutschen anzutreffen seien und kein Kopfrechnen beherrschen ist modern geworden. Das wäre früher schon anders gewesen, sagen Sie, sagt ihr Mann. Sie sagen aber, in der Firma Ihres Mannes hätte man auf die Bedürfnisse der jungen Mitarbeiter flexibel reagiert und fließende Arbeitszeiten eingeführt, was zur Folge hatte, dass die Jungen nicht mehr zu spät kommen, weil das ja dann gar nicht mehr geht. Finden Sie das gut oder schlecht? Na gut finde ich das, recht gut sogar, dann kann man das Kind in den Kindergarten bringen, auch wenn es in der Früh mal schwierig ist. Zum Beispiel! Oder wenn man mal am Abend noch weg gegangen ist, unter der Woche, dann muss man nicht blau machen, wie früher die jungen Leut am blauen Montag, sondern man kommt ein, zwei Stunden später. Und Ihr Mann? Naja, der findet es nicht so gut, weil dann ja bald jeder machen kann was er will, sagt er. Aber wenn Sie mich fragen, stinkt ihm bloß, dass er jetzt seiner Vorbildlichkeit beraubt ist. Und ich glaub, er hat sich’s nicht recht vorstellen können, wir haben ja eine ganz andere Kultur in unserer Familie. Was meinen Sie damit Frau Müller? Ja - wir sind halt eher so auf absolute, totale Verlässlichkeit eingestellt. Auf Zuverlässigkeit, Disziplin, Ordnung verstehn’s? Einer schafft an, die anderen rennen. Du musst nachts deine Sachen blind in der Wohnung finden, so ist das bei uns. Da liegt nie was rum. Und was hat das mit Gleitzeit und die mit Kultur zu tun, Frau Müller? Ja müssen’s das jetzt wirklich erklärt bekommen? Als Hausfrau und Mutter haben’s eh immer schon Gleitzeit geübt, auch früher schon, wo es so was noch gar nicht gegeben hat. Als junge Mütter hatten wir 24 Stunden Flexibilität, jeden Tag, keine feste Form, denn die Kinder waren ja alles, bloß nicht auszurechnen. Das ist z.B. wie mit der Kunst! Waren sie schon mal in einer gescheiten Kunstausstellung? Na dann. Mein Mann war froh, wenn er in der Arbeit eine Ordnung und einer Vorausschaubarkeit hat. Der geht nicht in Kunstausstellungen. Männer sind ja schnell überfordert, wenn sie zwei Sachen zugleich machen sollen, gell? Aber ich versteh noch nicht ganz den Aspekt mit der Kultur. Na das ist doch ganz einfach, mein Herr. Der Marx hat gesagt - schon lang her, ich weiß - dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Also, wenn Sie nie eine Flexibilität gelernt haben oder wenn Sie keine alternativen Modelle kennen, wenn Sie nichts anschauen können, wenn Sie nie die Möglichkeit haben Ihre Phantasie zu üben, an Herausforderungen, nicht immer nur an Selbstbestätigung, dann können’s aus lauter Angst schon nicht reagieren. Dann schaun’s freilich lieber nach hinten als nach vorne. Und mein Mann, der hat mehr Angst als Vaterlandsliebe, des sag ich Ihnen ganz offen. In der Kultur und in der Kunst können wir schon mal üben, was auf uns alle zukommt, mit der Globalisierung und den ganzen Sachen. Wer da steif ist, der kommt nicht weit. In der Kultur nicht und im Leben nicht. Hat jetzt jeder verstanden, dass Kultur eben nicht nur eine Operette im Stadttheater ist? Seng’s, alles hängt mit allem zusammen, gell? Und sie meinen, Frau Müller, dass man mit einer zeitgemäßen, innovativen Kultur eine bessere Infrastruktur bekommt? Naja schon, wenigstens probieren könnte man es ja mal. Junge Kultur in einer alten Stadt. Why not?


Grafikdesign: Philipp Starzinger