Einbildungshaus
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Wer redet schon über Kulturpolitik?

01. August 2008

Wie, wo und ob man überhaupt öffentlich über Kultur spricht, ist Grund legend in der Kulturpolitik.

Frau Müller, es gab doch einmal den KultuRklub, waren Sie mal dabei, haben Sie sich das angesehen? Und den Koffer voller Ideen, kennen Sie den? Ist da was passiert - mit den schönen Ideen? Was halten Sie als genüssliche Kennerin von der Diskussionskultur in Regensburg? Gerade in der Kulturszene? Gibt es Foren und Bühnen für die kulturpolitische Diskussion in der Weltkulturerbestadt? Ist die Kulturpolitik wirklich Chefsache? Was macht denn der Chef mit der Chefsache? Wie schätzen Sie denn die Zukunftsfähigkeit des Kulturreferats? Glauben Sie, dass die Kultur an die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt anknüpfen kann? Kann Kultur sich überhaupt im Umfeld von Rankings behaupten und entwickeln? Muss Kultur nicht frei sein, ohne all zu enge Bandagen der hartleibigen Finanzminister und Kassenwarte? Was ist denn der Stellenwert der Kultur überhaupt, angesichts von Fußball- und Baseball-Subventions-Stadien, die Hunderttausende und Millionen verschlingen? Hat Kultur da überhaupt ein Gewicht? Oder ist Kultur nur da, weil es halt dazu gehört, irgendwie? Wie steht es um die Bewirtschaftung von Kultur in Regensburg?  Gibt es ein Bewusstsein zum überall virulenten Thema Kulturwirtschaft? Wer initiiert denn in Regensburg überhaupt das Gespräch über Kultur? Gibt es eine Figur oder Institution, die Themen positionieren kann? Gibt es Medien, außer dem Kulturjournal, die sich besonders der Kultur annehmen?

Na mein Herr, jetzt legen’s aber los. Haben Sie sich das alles aufgeschrieben, um mich zu erschlagen damit? Das klingt nach einem Überwältigungsversuch, mein Herr. Nun lassen’s mich mal so antworten: Jede Firma, wenn sie auf einem Feld tätig, wo man sich bewähren muss, wo es Konkurrenz gibt, hat eine Entwicklungs-abteilung. Heute nennt man das „think-tank“. Da schüttelt es meinen Mann regelrecht, wenn er solche Begriffe hört. Aber die Amis nennen das so und dann nennen wir das auch so in Old Europe. Die amerikanische ist eben immer noch die Leitkultur für fast die ganze Welt. Also, so eine Entwicklungsabteilung, die funktioniert anders, als - sagen wir mal - die Produktionsabteilung. Kommen’s noch mit? Naja, mein Herr, mein Mann wäre jetzt schon ausgestiegen, dem ist das alles immer gleich zu viel und zu kompliziert. Der denkt, Kultur ist, wenn man ein Theaterabo hat, wenn das Königludwigdenkmal am richtigen Platz steht, wenn Artikel in der Zeitung nicht mehr als 100 Wörter haben und wenn möglichst viele Feste ein Feuerwerk nach dem anderen in die Stadt zaubern. Und höchstens noch übers Johannisfeuer springen, obwohl das ja Brauchtum ist, in den Augen von mein Mann und nicht Kultur. Und Brauchtum ist aber die bessere Kultur, weil man das schon immer so gemacht hat, da gibt’s keinen Lehrling, der es besser als der Meister weiß. Sehn’s, das ist das Problem von meinem Mann, der diskutiert alles nur nach Eigennutz. Und wenn er seine Autorität in Frage gestellt sieht, wird er ganz besonders fuchtig. Aber das kann sich eine echte Entwicklungsabteilung gar nicht leisten. Die brauchen ja Innovationen, selbst wenn sie heut gut da stehen würden, aber wir wissen ja, wer rastet der rostet. Und für Innovationen braucht es Freiheit, Freiheit im Denken und Freiheit im Ausprobieren und Forschen. Und, das sagen auch die Amis, Freiheit kann man organisieren, zum Beispiel, in dem man ein Brainstorming macht. Schon wieder so was Amerikanisches. Beim Brainstorming ist die erste Regel, dass man erst mal nicht kritisieren darf, sondern nur wild herumspekuliert. Dann hat man  Material für die Weiterentwicklung. Sehn’s, mein Herr, und so kann man auch die Kultur betrachten, als brainstorming für die ganze Stadtgesellschaft, als eine Art besonderer Volkshochschule, als Dauerlernstationen mit Lustfaktor, mit Spaßfaktor, mit Erkenntnisgewinn. Wo sollen denn die kreativen Geister, die unsere Gesellschaft so dringend braucht, der Erfindergeist, der Wille etwas anders zu machen, etwas aus zu probieren, etwas zu wagen, mit dem Selbstbewusstsein eines Fritz Fend, der den Kabinenroller erfunden hat, wo sollen die denn herkommen, wenn man keinen Platz bereithält? Da muss es Platz geben, gell? In einer Stadt, die nur rückwärts gewandt ist, die nur im Geschichtsrausch herumtorkelt, die eher Klientelismus als sachliche fundierte Entwicklung betreibt, die oft ad hoc reagiert, der so ziemlich alle großen Kulturprojekte misslingen, die kaum Gespräche führt, aber gern diktiert, da will ja auch keiner bleiben, er sei denn als subalterner Buckelmacher.

So wird es wohl nicht ganz sein, Frau Müller, ganz so schlimm, oder? Naja, Sie haben Recht, es gibt schon ein paar gute Seelen in der Ratisbona, die was voranbringen und das  offene Kultur-Gespräch suchen. So ist es auch wieder nicht.


Grafikdesign: Philipp Starzinger