Einbildungshaus
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Die Kultur der verlogenen Reinheit

01. August 2008

Multikulti kann nicht sterben

Wissen’s eigentlich, mein Herr, woher der Name der Stadt Bethlehem kommt, der Stadt, in der Christus geboren wurde? Der Name stammt vom syrischen Gott Adonis! Naja Frau Müller, ob das stimmen kann? Ich wusste gar nicht, dass Adonis syrisch, also kein griechischer Gott sein soll, das war mir nicht bekannt. Ja aber so ist das mit den durchmischten Kulturen, mein Herr, keineswegs ist irgend etwas rein und Identität ist ein schwieriger Begriff, passen’s mal auf: Dem syrischen Gott Adonis wurde wegen der guten Ernte geopfert, deshalb hieß sein antiker Tempel Baith la-Haim, Haus des Korns. Na! Merkens schon was? Bait la-Haim - Betlehem! Das ist leicht zu verstehen, oder? Und die Geschichtskundigen sagen uns, dass das Fleisch und Blut des Adonis unter den Gläubigen verteilt wurde, das erleben die Christen in der Eucharistie, symbolisch natürlich, heute noch, aber das geht eben auch auf Adonis zurück. Da schaun’s gell? Ja mein Mann hat auch g’schaut, als ich ihm das erzählt habe, aber der glaubt so was nicht, der denkt, der Kampf der Kulturen, also Muslime gegen Christen und Christen gegen Juden und Juden gegen Muslime und Hindus gegen Muslime und Königstreue gegen Preußen und so weiter, das wäre ein Naturgesetz, um den Kirchturm vor dem Minarett zu schützen, dabei ist das ein Unsinn. Keiner kann eine reine Kultur oder Religion nachweisen und was sollte das auch sein? Dumpfer Dogmatismus? Und vor dem Christentum gab es schon die jüdische Religion, die aber ihrerseits auf babylonische und syrische und was weiß ich noch für Traditionen zurückgegriffen hat. Ich bin ja keine Religionsforscherin mein Herr, aber so viel kann jeder sagen, die Kulturen vermischen sich überall auf der Welt. Es sind die Hetzer und Brandstifter, die gerne mal die Bibliothek von Alexandria abfackeln in ihrem christlichen Wahn, oder die Soldateska, die sich im über hunderte Jahre wunderbar multikulturellen Sarajevo einen Spaß macht, die Nationalbibliothek in Brand zu schießen. Denken Sie mal daran, wie lange die iberische Halbinsel brauchte, um sich von der mittelalterlichen Vertreibung der Muselmanen und der von diesen geförderten Juden zu erholen, der heilige Jakob, der Evangelist wurde zum „mata moro“, zum Maurentöter missbraucht, das Toleranzwunder von al-Andalus zerstört, die größte Wallfahrt aller Zeiten nach Santiago di Campostella (Jakob im Sternfeld) gegründet und gleichzeitig Kolumbus auf die Reise geschickt und in dessen Kielwasser Südamerika brutal ausgeraubt, ganze Völker vernichtet, Kulturen verstümmelt, Bücher verbrannt und daheim die Dummheit, die Angst, das Analphabetentum und die Bigotterie gezüchtet. Und selbst heute noch, wie wir von Almodovar, dem genialen spanischen Regisseur wissen, ist die Bigotterie, gepaart mit ungestillten sexuellen Begierden virulent. Die erlogene Kultur der Reinheit, die es ja nicht gibt, mein Herr, die kann dann ihre Körpersäfte nicht bei sich behalten. Das ist schon sehr seltsam gell? Auf allen Kontinenten, die der Papst bereist, muss er sich für seine leider nicht gerade selten pädophilen Priester entschuldigen. Aber daheim die Reinheit vom Katheder predigen!

Jetzt kommen Sie vom Thema ab, Frau Müller, wir wollten über Kulturpolitik reden, oder? Was hat das alles denn mit Kulturpolitik zu tun? Na jetzt sitzen Sie aber auf der Leitung, wie mein Mann. Aber passen’s mal auf, ich will ihnen das erklären: Wenn heute wieder „welche“ vom Ende der multikulturellen Gesellschaft daherreden, wenn also von einer Reinheit und nicht von einer dauernden, jahrtausende dauernden Vermischung ausgegangen wird, um noch ein paar dumme, bigotte und angstvolle Wähler zu finden, dann will man die Kultur als solche abschaffen! Naja, so schlimm es sich anhört, so schlimm ist es dann gar nicht. Das Amalgam, die Legierung, der bunte Strauss, der Cocktail der Kulturen wartet ja nicht auf gestrige Nationalisten und Neokonservative, da mischt sich fröhlich weiter, was nicht allein bleiben will. Auch die Nazis konnten den Mischmasch mit ihrem Terror nicht verhindern, im Gegenteil, durch die Flüchtlingsströme, die sie produziert haben ist erst recht alles durchmischt worden und wenig am alten Platz geblieben und Bin Laden wird auch keine perverse Reinheit herbeibomben können.


Grafikdesign: Philipp Starzinger